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Löst Neubau wirklich unsere Wohnungsnot?

Bauturbo – was für ein Wort. Kann die Antwort auf so ein komplexes Thema, wie die Wohnungsnot wirklich so kurz sein? Müsste die Antwort nicht mindestens genau so komplex und facettenreich sein, wie die Frage?Umgeben von Baulärm, stillstehenden Baustellen, leerstehenden Immobilien, sterbenden Bäumen und Verkehrschaos bin ich mir sicher, dass Bauturbo keine Antwort für Berlin ist. Keine Antwort auf unser komplexes Wohnthema, das sich vor Jahrzehnten angekündigt hat und durch viele Fehlentscheidungen Realität geworden ist.

Was wir jetzt brauchen ist eine 180° Wendung, eine umfangreiche Analyse des aktuellen Wohnungsmarktes, des Leerstandes, des spekulativen Leerstandes, von fremdgenutzten Wohnungen, der Grünraumversorgung, von Entsiegelungspotententialen und Aufstockungspotentialen. Wir brauchen eine komplexe, zusammenhängende Analyse des Ist-Zustandes. Diese muss auch die aktuellen Stadtentwicklungsgebiete in einen aktuellen Kontext setzen und neu bewerten. Wir brauchen neue Prognosen, die die Folgen des Klimawandels integrieren.

Es ist davon auszugehen, dass die zunehmende Hitze viele Menschen dazu bewegt die Stadt zu verlassen und in kühlere Gegenden zu ziehen. Der Zuzug von ca. 16.500 Personen (Jahr 2025) wird sich nicht fortsetzen, wenn wir weiterhin auf Autoverkehr, Neubau und Versiegelung setzen. Was Berlin braucht ist eine Stabilisierung, ein kurzes Innehalten, um den negativen Entwicklungen mit guten Konzepten zu begegnen. Neubau schafft teuren Wohnraum und vergrößert die Flächenversiegelung, fördert die Aufheizung der Stadt und verstärkt die Unterschiede zwischen Arm und Reich, da leistbares Wohnen zu einer Rarität wird. Gleichzeitig werden die Flächen zugebaut, die nicht beplant waren und Berlin zu einem besonderen und einzigartigen Ort gemacht haben. Lücken, die der Krieg aufgerissen hatte, baten später Raum für die Kunst und Kulturszene, für gemeinschaftliches Gärtnern, Spielplätze, sportliche Aktivitäten oder einfach Raum für Flora und Fauna.

Und ja, alle sagen, wir brauchen mehr Wohnraum, Wohnen muss ein Grundrecht sein, wir müssen den Bedarf durch Neubau sichern. Ich sage, wir brauchen bezahlbaren Wohnraum im Bestand, Umnutzung, Rückführung von zweckentfremdeten Wohnungen zum Wohnungsmarkt, eine bessere Handhabe gegen spekulativen Leerstand und ein zentrales Leerstandsmonitoring.

Also halten wie einen Moment inne und nehmen uns Zeit für eine Leerstandsanalyse für Wohnungen und Gewerbe, für eine Potentialanalyse für Aufstockungen, für ein Konzept, wie wir den Flächenverbrauch von Supermärkten reduzieren können. Für eine Kampagne gegen Zweckentfremdung von Wohnungen und eine besser rechtliche Handhabe zur Umsetzung des Zweckentfremdungsgesetzes. Wie viele Wohnungen stehen aus spekulativen Gründen leer? Wie viele Gewerbeeinheiten stehen leer und wieviele könnten zu Wohnraum ungenutzt werden? Wie viele Wohnungen könnten durch Dachaufstockungen entstehen und wie viel Fläche würde frei werden, wenn Supermärkte mehrgeschossig bauen müssten und Parkplätze nicht nur ebenerdig anbieten?

Müssen wir wirklich neu bauen? Müssen wir wirklich wertvolle Flächen versiegeln und die Folgen des Klimawandels in der Stadt dadurch noch verstärken? Wie viel Fläche könnte frei werden zur Sicherung der wohnungsnahen Grünraumversorgung, die im Klimaanpassungsgesetz beschlossen wurde, für eine Verbesserung der Lebensqualität, Gesundheit und damit auch Sicherung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit?

Die Folgen der Hitze, von Krankheit und Stress durch negative Umwelteinflüsse bedeuten umfangreiche wirtschaftliche Verluste für die Stadt. Darüber sollten wir reden. Darüber lohnt es sich zu reden. Wachstum kann nicht unendlich sein, denn irgendwann leidet die Lebensqualität darunter. Es wird zu laut, zu voll und zu teuer. Irgendwann fehlt das Gleichgewicht und die Vorteile von kulturellen Angeboten und der grünen Rückzugsräume sind nicht mehr ausreichend.

Jetzt müssen wir innehalten und eine komplexe Antwort suchen, die Antwort, die nicht in einem Satz erklärt ist. Dann kann Berlin eine lebenswerte und bezahlbare Zukunft für uns bieten.

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